Samstag, 15. Mai 2021

Kameras

Obwohl es eine Nebenstraße ist, säumen sich auch hier links und rechts überall
Geschäfte und Dienstleistungen.
Typisch Großstadt. Ich hasse es. Wenigstens sind hier nicht so viele Leute
unterwegs.
Er geht unbeirrt weiter, achtet kaum auf die Auslagen. Er weiß nicht mal, ob er hier
richtig ist. Die Richtung sollte so ungefähr stimmen, aber irgendwann muss er mal
abbiegen. Er wirft einen Blick auf den Screenshot, den er von Google Maps gemacht
hat. Die Seitenstraße bringt ihn ein bisschen vom schnellsten Weg ab, aber er hatte
es unter den Menschenmengen nicht mehr ausgehalten.
Am liebsten wäre er schon im Heim. Dort könnte er zwar nicht besonders viel
machen, vielleicht durch den ruhigen Park spazieren oder im Gras sitzen, allein oder
gerne auch mit anderen, aber jetzt durch die Stadt zu müssen ist ein kleiner
Alptraum. Jedoch war der Drang Plasma zu spenden größer. Fast einen Monat war
er jetzt schon wieder nicht mehr, obwohl er jede Woche gehen möchte. Die letzten
Wochen ging er nicht, weil er dachte, dass er keine Zeit dafür hätte, und hier erst
wirklich ankommen müsste. In Wahrheit hatte er einfach keine Lust, dort anzurufen,
um sich einen Termin auszumachen. Hätte er auch hier die Termine gleich online
vereinbaren können, wäre er wahrscheinlich schon in der ersten Woche spenden
gegangen, aber es mussten erst Wochen vergehen, bis er seinen Arsch dazu
bewegen konnte, einen Anruf zu tätigen. Tatsächlich war es das freundlichste
Gespräch, das er bisher mit einer Mitarbeiterin der Plasmazentren geführt hatte.
Jetzt will er nur möglichst schnell dorthin, die Spende hinter sich bringen und dann
wieder in seinem Heimzimmer verschwinden.

Die Auslagen rauschen an ihm vorbei, einigen Passanten muss er ausweichen. Alle
wirken grantig.
Stadtmenschen sind absoluter Müll.
Doch dann fällt ihm auf, dass er selbst genauso genervt wirkt, wie die anderen Leute
aussehen. Vielleicht sind das gar keine Stadtmenschen, sondern auch nur Menschen
von außerhalb –so wie er–, die meinen, dass Stadtmenschen unfreundlich sind –so
wie er–, und die mit Städten unter anderem deswegen nichts anfangen können –so
wie er–, und deswegen grantig sind und allen anderen Leuten so begegnen, weil sie
meinen, dass es Stadtmenschen sind, obwohl es tatsächlich Leute vom Land sind.
So wie er.
Was, wenn es wirklich so ist?

Er bleibt vor einer roten Ampel stehen und sieht sich zum ersten Mal die Auslagen
genauer an. Links von ihm ist ein Juweliergeschäft. Eine wilde Mischung aus
Modeschmuck und Silberringen wird präsentiert. Kaum von Interesse für ihn, obwohl
so ein Ring schon schön wäre. Ein Silberring mit einem eingefassten Rohgranat.
Nicht protzig, einfach gehalten.
    Sein Blick wandert zur anderen Straßenseite und erblickt in der Auslage etwas,
das seine Aufmerksamkeit noch mehr erweckt: Kameras
Die Ampel schaltet auf Grün, er geht rüber und sieht sich die Kameras genauer an:
Leicas
Es sind schöne Kameras, sie haben eher traditionelle Designs, aber er versteht nicht,
warum man für so eine Kamera, so viel Geld ausgeben sollte. Kann man bei denen
überhaupt das Objektiv wechseln? Er hatte noch nie eine Leica in der Hand, kann
nicht sagen, ob der Preis gerechtfertigt ist, bezweifelt es jedoch. Für ihn sieht es wie
ein pures Statussymbol aus: kaum photographiert jemand mit einer Leica, meint
diese Person, dass sie nur noch umwerfende und künstlerische Photos macht,
haben jedoch keine Ahnung davon, dass der Mensch hinter der Kamera wichtiger ist
als das Werkzeug selbst.
Er ist über die Menge an Kameras erstaunt. Das müssen mindestens 50.000€
Warenwert sein, und wer weiß, wie viel mehr sich noch im Geschäft befinden. Er
sieht sie sich noch ein Weilchen an, geht langsam weiter, verspürt aber keinerlei
Verlangen, jemals selbst eine zu kaufen. Das Geld dafür könnte er besser
investieren.
    Bei der nächsten Auslage bleibt er wieder stehen. Diese Kameras würde er sich
schon eher kaufen: alte Analogkameras.
Für ihn viel interessanter, als jede digitale Kamera je sein könnte.
Balgenkameras, Agfa Billy’s, jede Menge Rolleiflex, Zeiss und viele mehr. Soweit er
das sieht, sind alle im besten Zustand erhalten und funktionieren wahrscheinlich
auch noch.
Er selbst photographiert zwar nicht analog, aber die Kameras interessieren ihn
dennoch. Nicht nur das Aussehen und die Funktion, sondern vor allem die
Geschichten dahinter: Wem gehörte die Kamera? Was wurde damit photographiert?
Er kann es zwar nicht herausfinden, denkt sich aber gerne Geschichten dazu aus.

Die Agfa Clack befand sich mal in den Händen eines Bauernmädchens. Sie war ihr
wertvollster Besitz, aber auch teuerster, denn die Filme und das Entwickeln musste
sie selbst bezahlen. Genau dadurch lernte sie, gewissenhaft damit umzugehen,
jedes Photo zu planen, wodurch sie schließlich zu einer bekannten Photographin
wurde.
    Durch das Objektiv der Canon F-1 fiel nie etwas anderes als Blumen mit
Menschen. Sie ist durch die ganze Weltgeschichte gereist, sah die exotischsten
Blumen und die einheimischen Menschen.
    Die Voigtländer Brillant dokumentierte die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges,
während die Rolleiflex Automat Geister photographierte: Personen, deren Namen
und individuelle Geschichten ausgelöscht wurden und die dann alle an dem gleichen
Schicksal zugrunde gingen….

Ihm läuft eine Träne über die Wange.
Was alles haben diese Kameras gesehen?
Welche Grausamkeiten? Welchen Wahn?
Welche schönen Momente? Welche vergessenen Erinnerungen?
Er weiß es nicht, denkt sich aber gerne die Geschichten dazu aus.



-Kameras, 06.05.2021
 

juhk. d

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